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Das Stonewall Inn
war einer von vielen nicht lizenzierten Clubs, in denen drei Dollar Eintritt für
eine
Tagesmitgliedschaft zu zahlen waren.
Da gab es wässrige Drinks, aber man
konnte immerhin tanzen, mit wem man wollte.
Dass Männer mit Männern tanzten,
war
im New York des Jahres 1969 ansonsten verboten.
Das Stonewall war voll gestopft mit jungen Männern,
darunter Drag-Queens
(Tunten), Hippies und Jungs aus
heruntergekommenen Wohnvierteln.
Viele Gäste waren unter 18 Jahre alt.
Zunächst verlief
die Razzia, die mit illegalem Alkohol-Ausschank begründet wurde, recht geordnet,
keine Rede von Emanzipations-Rebellion: Zwei Tresenkräfte, drei Drag-Queens und
eine Lesbe wurden festgenommen, die übrigen Gäste auf die Christopher Street
geleitet. Die so versammelte Gruppe wurde durch Passanten noch verstärkt,
schließlich waren es um die 1.000 Menschen. Nur vereinzelt wurden Protest-Rufe
laut. Die Stimmung kippte, als eine festgenommene Lesbe zu einem Polizeiauto
gebracht werden sollte. Sie setzte sich zur Wehr, riss sich los. Rufe wie
"Schweine" und "Faggot cops" waren zu hören, ein Hagel aus Münzen und
Bierflaschen in Richtung Polizei setzte ein. Die fand sich plötzlich umzingelt
und suchte innerhalb des Lokals Schutz. Von drinnen hörten die Beamten das
Geräusch splitternden Glases und den dumpfen Aufschlag von Pflastersteinen.
Draußen johlte die
Meute. Daraufhin entsicherten die Polizisten ihre Waffen, einer brüllte: "Wir
werden den ersten Scheißkerl erschießen, der durch die Tür kommt!" Jemand
schüttete Benzin durch ein zerbrochenes Fenster und ein Streichholz hinterher.
Im gleichen Moment traf Polizeiverstärkung ein - mehrere Hundertschaften im
Kampfanzug und mit Schutzhelm. Die "New York Daily News" schrieb später, für
einige Stunden habe "Bürgerkrieg in Greenwich Village" geherrscht. Während des
folgenden Tages blieb die Atmosphäre gespannt, und im Schutz der Dunkelheit
brach die Gewalt wieder los. Schätzungsweise 4.000 Schwule, Lesben und
Drag-Queens waren auf den Straßen - an den eigentlichen Krawallen
beteiligten sich einige hundert. Auch in den folgenden Nächten gab es
Scharmützel. Laut "New York Times" löste die Bereitschaftspolizei noch in der
Nacht vom 2. auf den 3. Juli eine grölende Gruppe von etwa 500 Personen auf und
wurde erneut von Flaschen und Bierdosen getroffen. Im Großen und Ganzen aber
hatte sich die Wut der Gay Community erschöpft und war einem bis dahin nicht
gekannten Gefühl gewichen:
Stolz
Zeitungsartikel 'Village
Voice':
Ein Reporter steht an diesem Abend zusammen mit Pine vor dem Eingang des
Stonewall lnn. Das weitere Geschehen beschreibt er am 3. Juli 1969 in der
Zeitung "Village Voice": "Pine sagt: 'Wir müssen reingehen, uns drinnen
einschließen, das ist sicherer.' Ich gehe mit. Wir schließen die schwere Tür.
Die Front des Stonewall besteht größtenteils aus Ziegelsteinen, ausgenommen die
Fenster, die von innen mit Sperrholz geschützt sind. Drinnen hören wir das
Rütteln an den Fenstern, gefolgt von Geräuschen, die von an die Tür geworfenen
Ziegelsteinen stammen müssen.
Wir hören aufgebrachte Stimmen." Draußen, auf der Christopher Street, hat
inzwischen die militante Stimmung weiter zugenommen. Die Parole "Stürmt das
Stonewall!" setzt sich bei jenen durch, die vorne stehen. Jemand greift einen
Mülleimer und schlägt damit ein Fenster ein. Mehrere versuchen eine Parkuhr aus
der Verankerung zu reißen, um sie als Rammbock gegen die Tür einzusetzen. Es
gelingt. Rufe von weiter hinten Stehenden feuern sie an.
Aus der Sicht der
Belagerten berichtet der Reporter weiter: "Plötzlich springt die Tür auf.
Bierdosen und Flaschen poltern herein.
Während Pine und seine Leute versuchen,
die Tür wieder zu schließen, wird ein Polizist am Auge verletzt.
Er jammert laut, aber es sieht schlimmer aus, als es ist. Sie alle haben
plötzlich Angst bekommen. Drei laufen nach vorn, um die Menge von der Tür
aus zu beruhigen. Ein Münzhagel ist die Antwort. Eine Bierdose schlägt gegen den
Kopf von Polizeiinspektor Smith. Pine sammelt sich, springt hinaus ins
Getümmel, greift jemandem um die Taille, zieht ihn nach hinten und schleift ihn
in den Flur. Inzwischen ist es gelungen, die Tür wieder zu schließen. Der
Hereingezogene wird von wütenden Polizisten umringt, die ihre Wut an ihm
auslassen. Pine sagt zu ihm: 'Ich habe gesehen, wie Sie etwas geworfen haben!'.
Unglücklicherweise antwortet der Gefasste und sagt: 'Nur einige Münzen!' Der
Polizist, der kurz vorher einen Wurf abbekommen hat, gerät in Wut, schreit etwas
wie:
'Dann warst du es, der mich verletzt hat!'.
Und während die anderen
Polizisten ihn dabei unterstützen, prügelt er fünf-, sechsmal auf den Gefangenen
ein.
Sie schlagen selbst dann noch auf ihn ein, als er schon fix und fertig ist.
Draußen, vor dem
Stonewall, ist eine neue Parole aufgekommen.
Sie heißt "Roast the pigs alive!"
und zugleich geht der Ruf nach Benzin durch die Menge. Die im Lokal
eingeschlossenen Polizisten fangen an, durchzudrehen. Jetzt gibt die Tür an der
Seite nach. Ein Polizist schreit, 'Verschwindet oder ich schieße!'. Für eine
kurze Zeit hört das Rütteln auf. Auf einmal ist die Eingangstür völlig offen.
Gleichzeitig fällt mit lautem Getöse eines der Sperrholzfenster herunter und es
scheint unvermeidlich, dass die Menge hereinströmt.
Alle Polizisten ziehen ihre
Pistolen.
Sie zielen auf die Tür.
Ich höre wie einer der Polizisten sagt:
'Ich knalle den
ersten Mother-fucker ab, der durch die Tür kommt!'" Durch ein zerbrochenes
Fenster wird Benzin ins Innere des Stonewall geschüttet und angezündet. In das
Brausen der Flammen mischen sich von Ferne die Sirenen der herbeigeholten
Polizeiverstärkung.
Ein großes Aufgebot erreicht die Christopher Street und das
Stonewall. Die Cops beginnen wild auf die Menge der Schwulen und Lesben
einzuprügeln. Es gelingt ihnen die Demonstranten abzudrängen und das Feuer zu
löschen.
Dieser Teil der
"Stonewall-Rebellion" dauert ganze 45 Minuten. Es gibt mehrere Verletzte.
Dreizehn Personen werden verhaftet. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde
in der Szene, dass sich die Gays zu wehren begonnen haben. Als am nächsten Tag
viele Schwule und Lesben vor das Stonewall ziehen, um den Ort des Aufbruchs zu
besichtigen, finden sie dort eine Menge Kreideinschriften an den Wänden:
"Support gay power!", "Drag power!", "They invaded our rights", "Gay is good"
und immer wieder "Gay Power!"
Die wilden Tage
boten eine Menge Stoff zur Legendenbildung. So heißt es oft, die Unruhen seien
von Drag-Queens begonnen worden. Augenzeugen und Fotos können dies nicht
belegen. Ein anderer Mythos handelt von den unterdrückten New Yorker Schwulen,
die sich nur noch mit Gewalt wehren konnten. Zwar hatte bis 1965 jede Bar ihre
Alkohollizenz verloren, in der drei oder mehr Schwule bedient wurden. Doch 1969
galt das nicht mehr; der neue New Yorker Bürgermeister John V. Lindsay, ein
liberaler Republikaner, war überzeugt worden, dass diese Praxis vor Gericht
nicht standhalten würde.
Robert Amsel, ab
der zweiten Nacht Zeuge der Ereignisse, stellte 1987 im US-Homo-Magazin "Advocate"
die Frage, ob die Unruhen in der Christopher Street unter diesen Umständen
überhaupt "irgend etwas mit schwul-lesbischen Rechten zu tun" gehabt hätten.
Auch wenn die Eruption in der Christopher Street eher ein Zufall gewesen sein
sollte, wie die Spötter sagen, verstärkt wurde sie durch die Trauer der Homosexuellen, um
Judy Garland die am gleichen Tag beerdigte wurde: Die "Haarnadel-Revolte", wie sie
zunächst genannt wurde, erlangte eigene Bedeutung und versetzte der
Homosexuellen-Emanzipation einen kräftigen Schub über die bieder-bürgerlichen
Anstrengungen der 60er Jahre hinaus.
Die kurze Zeit später gegründete Gay
Liberation Front (GLF) hatte eine eindeutig linke Ausrichtung und orientierte
sich an der Friedens-, Black-Power- und Frauenbewegung jener Zeit.
Auch dort
hatte es Radikalisierungen gegeben, und Gay Lib war eingebunden in die durch
Hippiekultur und den Protest gegen den Vietnam-Krieg gekennzeichnete Auf- und
Umbruchstimmung.
An die Stelle höflichen Protestierens durch bürgerliche
Homophile
aus der Anzugträger-Ecke trat nun militante Konfrontation.
Zehn Jahre
Verspätung
Die Bedeutung von Stonewall vermittelte sich weltweit;
Gay Liberation Fronts
entstanden in vielen amerikanischen
und einigen europäischen Städten.
In
Deutschland spielte die Stonewall-Randale indes zunächst keine Rolle:
Zwei Tage vor dem New Yorker Ereignis hatte der Bonner Bundestag den
Schwulenparagraphen 175 reformiert. Für die bundesdeutschen Schwulen war das
Jahr 1969 mit der nun straflosen Homosexualität unter Erwachsenen verbunden. Und
angesichts größerer politischer Unruhen etwa im Zusammenhang mit Vietnam wurden
die wenigen hundert Homos aus New York auch von den deutschen Medien nicht
wahrgenommen.
Hierzulande
radikalisierten sich die Schwulen als Reaktion auf Rosa von Praunheims Film
"Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von
1971. Als es in London im gleichen Jahr zu einem ersten Gay Liberation March
kam, erinnerten auch in der Bundesrepublik vereinzelte Stimmen an den
Christopher Street Day. Es dauerte aber noch bis zum Jahre 1979, bis eine
Tradition begründet wurde. Am 30. Juni vor über zwanzig Jahren fanden in Berlin
und Bremen die ersten bundesdeutschen CSD-Demonstrationen statt.
Heute gehen anlässlich des
Christopher Street Day Lesben, Bisexuelle,Transgender, Schwule und ihre Freunde
zu Tausenden auf die Straße - haben Spaß, präsentieren die
Selbstverständlichkeit und Vielfalt ihre Art zu Leben
und demonstrieren für eine Verbesserung der rechtlichen Situation.
Die größten CSD-Paraden in Deutschland finden in
Hamburg, Berlin und Köln statt, die Besucherzahlen gehen weit über
1.000.000 Grenze hinaus.
Mittlerweile ist der CSD
auch in die „Provinz“ eingekehrt, hier haben
sich Straßenfeste und Paraden zum CSD fest etabliert.
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